Duale Ausbildung: „Ein unbezahlbarer Schatz“
WAIBLINGEN. Motivation ist nicht alles, aber ohne Motivation ist alles nichts. Auf diesen Nenner lassen sich die Aussagen der Unternehmensberaterin Dominique Döttling bringen, die zum Auftakt der ersten kreisweiten Berufsausbildungsmesse Fokus Beruf sprach.
VON PETER WARK
Mittwochabend im Waiblinger Berufsschulzentrum: 130 Besucher sind zur Auftaktveranstaltung der Berufsausbildungsmesse gekommen. Dabei sind die, um die es bei Fokus Beruf zwei Tage lang gehen soll, selbst nur wenig vertreten: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ausnahme sind die jungen Tänzerinnen der Hip-Hop-Gruppe ElleInStyle und Jürgen Stadelmaier, einst Auszubildender bei der Bosch Verpackungstechnik in Waiblingen. Er stellt im Anschluss an den offiziellen Teil des Abends unter großem Publikumsinteresse den Flugservolator vor, mit dem er und ein anderer Auszubildender beim Wettbewerb Jugend forscht im vergangenen Jahr Furore gemacht haben. Der Flugservolator steht an diesem Abend durchaus sinnbildlich für das, was Jugendliche zu leisten imstande sind, wenn man sie fordert und fördert.
Der Leiter der Arbeitsagentur Waiblingen, Martin Scheel, spricht in seinen einleitenden Worten von einer positiven Entwicklung am Ausbildungsstellenmarkt im Rems-Murr-Kreis. Nichtsdestotrotz müsse weiterhin ein leichtes Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage festgestellt werden. Gerade für manchen Hauptschüler bleibe die Ausbildungsstelle ein Traum. Scheel gibt zu bedenken, dass das durchschnittliche Einstiegsalter in den Beruf heute bei fast 19 Jahren liegt.
Alfred Meßmer, Vorsitzender der Kreisvereinigung der Volks- und Raiffeisenbanken, meint: „Die Basis allen Erfolgs ist und bleibt eine gute Ausbildung“, daher unterstützten die Volksbanken die Messe Fokus Beruf auch mit 50000 Euro jährlich – und das mindestens für drei Jahre.
Eine Podiumsrunde diskutiert unter Moderation des Journalisten Frank Nipkau über das Thema Ausbildung und bricht dabei eine Lanze für die Jugend. So schlecht, wie häufig dargestellt, stehe es nicht um die Ausbildungsfähigkeit der jungen Leute. Das duale Ausbildungssystem mit betrieblicher Praxis und Berufsschule sei „ein Schatz, der unbezahlbar ist“, sagt da beispielsweise der IHK-Bezirkskammerpräsident Claus J. Paal, selbst Unternehmer. Ausbildung muss aber sein, weiß Paal. Er befürchtet, dass die heimischen Firmen in 10 bis 15 Jahren händeringend nach Berufsnachwuchs suchen werden: „Das wird dramatisch.“
Kreishandwerksmeister Roland Wöhr weist darauf hin, dass das traditionell stark ausbildende Handwerk mehr als 100 verschiedene Lehrberufe anbiete.
Der IG Metall-Bevollmächtigte Dieter Knauß stimmt ihm zu. Knauß, sonst eher ein kritischer Zeitgenosse, räumt ein, dass die Ausbildungsplatzsituation im Rems-Murr-Kreis dank des Mittelstandes viel besser ist als in anderen Landstrichen. Kritik vom Gewerkschaftsmann allerdings an den großen, international tätigen Unternehmen wie Ericsson: Die, so sein Eindruck, verabschiedeten sich mehr oder weniger von der Ausbildung.
Eine Lanze für die Jugend bricht Manfred Kluge. Der geschäftsführende Schulleiter der Beruflichen Schulen im Kreis betont die neuen Wege, die Schulen heute gehen. Und er legt Wert auf die Feststellung, dass nur ein geringer Prozentsatz der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht ausbildungswillig beziehungsweise ausbildungsfähig sei. Die meisten Schüler würden mit Erfolg in eine Ausbildung einsteigen oder eine weiterführende Schule besuchen. Kritik, den Lehrern würde der Praxisbezug fehlen, kontert Kluge. Im beruflichen Schulwesen treffe dieser Vorwurf auf keinen Fall zu: „Das Gros unserer Lehrer kennt die Praxis“. Damit nimmt er den Ball auf, den die Unternehmensberaterin Dominique Döttling in ihrem Referat den Gästen zugespielt hatte. Lehrer hätten keinen Praxisbezug, hatte sie bewusst provozierend gesagt. Entsprechend fehle es an Motivation der jungen Leute für die Berufswelt. „Wir verkaufen die Praxis viel zu schlecht“, glaubt die Unternehmensberaterin aus Uhingen, die unter anderem Mitglied der Rürup-Kommission in Berlin war. Sie beklagt die Darstellung der Arbeitswelt in den Medien: Da sei viel von Streik, von Arbeitslosigkeit, von schlechten Arbeitsbedingungen die Rede. Wie solle sich da ein junger Mensch mit Feuereifer auf das Berufsleben freuen, fragte sie. Auch im Elternhaus und eben in der Schule werde die Berufspraxis häufig negativ dargestellt und sogar die Selbstständigen jammerten in erster Linie über ihre Arbeitsbelastung. Daraus folgert Döttling: „Genuss und Lust an Arbeit gilt bei uns als höchst verdächtig“. In Deutschland herrsche nach wie vor eine Fehlerkultur. Es werde mehr demotiviert als motiviert: „Wir zeigen die Probleme auf, aber nicht die Perspektiven“. Genau dieses soll mit der zweitägigen Berufsausbildungsmesse in den Räumen des Beruflichen Schulzentrums Waiblingen (Steinbeisstraße 4) geändert werden. An 80 Ständen stehen Fachleute Schülern und Eltern Rede und Antwort. Dazu kommen Workshops zu allen Themen und Bereichen der Ausbildung. Geöffnet hat Fokus Beruf heute von 8.30 Uhr bis 17 Uhr und am morgigen Samstag von 9 Uhr bis 15 Uhr.
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07. März 2008
Backnanger Kreiszeitung
von Peter Wark
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